Pendleton Interview.txt //24.07.2008

Unser Interview mit Greg Wicky alias Pendleton, dem ehemaligen Sänger und Gitarrist der Schweizer Band Chewy, war eines der ersten im Rahmen von wenn’s rockt! Irgendwann 2005 habe ich das Interview abgetippt und übersetzt, um es irgendeiner Seite als “Content” zur Verfügung zu stellen.. bevor es in den Weiten des Webs untergeht, hier also das komplette, übersetzte Interview.

Übrigens konnte ich leider nicht herausfinden, ob Pendleton noch in dem Sinne existiert. Und aus der im Interview angesprochenen “Wicky-Band” ist bislang leider auch nichts geworden. Dafür gab es letzten Winter eine Chewy-Reunion für drei Konzerte, die von fiesefalle gefilmt wurde und demnächst (…) veröffentlicht wird.

Greg, wie würdest du deine Musik einer tauben Person beschreiben?
Ich glaube nicht, dass man irgendwelche Musik einer tauben Person beschreiben kann. Vielleicht kannst du, wenn du Heavy Metal spielst, deine Musik einer tauben Person als etwas Physisches beschreiben, so wie du den Druck auf deiner Brust spürst. Aber ich spiele recht leise Musik, also könnte ich vielleicht sagen, da ich gerne Lieder über die Natur und zwischenmenschliche Beziehungen schreibe, dass die Musik dem Gefühl an einem Sommerabend ähnlich ist, wenn die Sonne um 10 Uhr untergeht und du eine Gänsehaut kriegst und nicht richtig weißt, ob du glücklich oder traurig bist. Zumindest hoffe ich, dass meine Musik in etwa so klingt.

In deiner Musik gibt es sehr viele Bezüge zur Natur. Woher kommt das?

Ich versuche immer Lieder zu schreiben, die ehrlich sind und an die ich glaube. Und in den letzten paar Jahren bin ich zu einer Art Hippie geworden, zu einem alten Natur liebenden, Bäume umarmenden Hippie. Ich muss über die Dinge schreiben, die für mich ehrlich sind. Deshalb geht es oft um Bäume, den Wind und solche Sachen. Ich bin mir durchaus bewusst, dass das nicht sehr viel mit Rock’n’Roll zu tun hat und dass das nicht sehr trendy ist und mir auch nicht zu Albumverkäufen in Millionenhöhe verhelfen wird, aber das ist, worüber ich singen möchte. Intuition ist meine größte Stärke, da ich nicht der beste Sänger der Welt und auch kein ausgezeichneter Gitarrist bin. Aber ich glaube, dass ich einen guten, direkten Kontakt mit meiner Seele habe. Das ist ein bisschen pompös und klingt angeberisch, aber hier liegt nun mal meine größte Stärke. Und deshalb versuche ich, mit meinen Lieder ehrlich zu sein.

In deinen Liedern finden sich manchmal herausstechende Details wie z.B. die Phrase „fighting darkness with guitars“ (aus: „Ain’t no Light“ auf dem Album „Somanydynamos“ von Chewy) oder Wortspiele wie bei „Another Other“ (auf dem Album „No Dragons on These Streets“). Woher stammen diese Elemente?

Wie ich sagte, ist es wichtig, ehrliche Texte zu haben, aber gleichzeitig muss man diese eingängigen Elemente einbauen. Ich finde, man darf es hiermit nicht übertreiben – schließlich gibt es ja auch leere Liedtexte, die nur aus „oh baby, won’t you come down“ bestehen. Es reicht nicht, nur so etwas zu haben, aber ein bisschen davon ist schon nötig. Deshalb gibt es so Phrasen wie „another other, there will come another“. Es ist wichtig, etwas zu haben, was ein bisschen eingängier ist und den Zuhörer daran erinnert, dass das wichtigste im Lied der singende Typ ist und somit die Aufmerksamkeit fördert und den Hörer vielleicht auch ein bisschen in den Song hinein zieht.

„Grounded for a Year“ hast du fast komplett alleine eingespielt, und auf dem neuen Album befinden sich sehr viele Gastmusiker. Woran liegt das?

Das stimmt, dass ich die meisten Dinge auf dem ersten Album selber gemacht habe. Ich habe das zweite Album dadurch persönlich genug gestaltet, dass ich all die Lieder selbst geschrieben und die Demos alleine aufgenommen habe. Mir war nicht danach, alleine ins Studio zu gehen und dort drei einsame Wochen zu verbringen - also habe habe ich ein paar Freunde mitgenommen. Ich bin kein ausgezeichneter Drummer und überhaupt kein guter Keyboarder, also habe ich ein paar fähige Leute eingeladen, um mit mir ein paar solide Lieder einzuspielen. Das war wohl der Hauptgrund.

Gibt es eine Musikszene in Lausanne und wie sieht sie aus?

Ich spiele seit `91 in Bands, und ich glaube, dass ein Großteil der Szene aus dieser Zeit kommt, aus den frühen 90ern, der Zeit des Grunge. Wir waren alle recht jung und waren sehr stolz mit 16 unsere eigenen Bands zu gründen. Jeder, den ich kannte, hat seine eigene Band gegründet. Und unter all diesen Massen an Bands mussten ja auch ein paar gute sein, oder? Diese vier oder fünf Bands haben weiter gespielt, und jetzt gibt es Honey For Petzi, Favez, die Band meines Bruders und sein Projekt Sad Riders und eine Menge weitere Bands. Das sind hauptsächlich Leute zwischen 26 und 32 Jahren, d.h. es ist keine neue Szene, sondern eher ein Relikt aus alten Zeiten. Ich glaube, dass es heute nicht so viele junge Bands gibt wie früher, vielleicht ein paar Metal- und ein paar SkatePunk-Bands, aber nichts, was weiter geht, nachdem die Leute älter als 18 werden. Ich bedaure es, sagen zu müssen, dass die Szene so eine Art OldSchool-Szene ist.

Was hat es mit dem Song „Away from the Scene“ (aus: “No Dragons on these Streets”) auf sich?

Mit Chewy haben wir versucht, etwas zu erreichen, und im Grunde genommen zu professionellen Musikern zu werden. Also sind wir viel getourt, insbesondere durch Deutschland, und haben eine Menge Bands getroffen, so dass wir quasi in die Szene reinwuchsen. Aber wir fühlten uns nie richtig als Teil dieser internationalen Szene. Und parallel zu dem Wunsch dort hinzugelangen, waren wir uns nicht sicher, ob wir das wirklich wollten. Als wir Chewy vor einem Jahr aufgelöst haben, habe ich mir gesagt, dass es Zeit ist, von der Szene wegzukommen („away from the scene“), ein bisschen erwachsener zu werden und aufzuhören, in diesen jugendlichen Träumen zu leben. Und viele Songs dieses Albums handeln hiervon. Da ich ein Träumer bin, was manchmal zu Problemen führt, habe ich zu mir gesagt: „Ok, du ziehst dein Ding durch und beginnst, als ein reeller Mensch in einer reellen Welt zu arbeiten anstatt nur zu träumen.“

Also geht es bei dem Begriff Szene hier mehr um das Musikbusiness?

Ja, ich glaube, das war die Idee. Denn das Musikbusiness ist eine Branche, die viele Menschen zum Träumen verleitet, und es gibt dort wirklich nichts, von dem man träumen könnte. Gerade jetzt, mit dem ganzen Downloaden von Musik und den mp3s, wo die Menschen immer weniger CDs kaufen, ist die Musikindustrie ein sehr trauriger Ort und es gibt viele Menschen, die sich dort an ihrem Job festklammern. Es ist keine gute Sache und es gibt jede Menge mitleidserregende, alte Menschen in dieser Branche.

Warum gibt es keine Wicky-Band, in der du mit deinem Bruder Chris zusammen spielst?

Ein bisschen Geduld mein Herr (auf deutsch). Zum einen spielen wir von Zeit zu Zeit miteinander, z.B. habe ich alle E-Gitarren auf dem Sad Riders-Album eingespielt und er hat ein paar Backing Vocals auf dem aktuellen Pendleton-Album gesungen. Wir haben uns darüber unterhalten und beschlossen, dass es vielleicht interessant sein könnte, ein Album mit unseren beiden Stimmen aufzunehmen. Also sehr ruhige Songs mit dem Schwerpunkt auf den beiden Stimmen, so wie bei Simon&Garfunkel, nur mit mehr Elektronik. Das ist ein Projekt, das wir voraussichtlich nächstes Jahr machen. Also ich hoffe, dir in einem Jahr die CD in die Hand drücken zu können.

Warum gab es nicht von Anfang an eine musikalische Verbindung?

Ich glaube, das Hauptproblem ist, dass ich ein Control-Freak bin und Chris auch. Wenn du nun zwei Control-Freaks in einer Band hast, dann kommt es zu einem schwerwiegenden Aufeinanderprallen der Egos. Ich glaube, wir müssen ein bisschen älter und erwachsener werden, um den Anderen, seine Art zu arbeiten und seine Schwächen und Stärken zu akzeptieren. Wenn wir alte, graue Bärte haben, dann können wir zusammenarbeiten (lacht).

... schreibt Rebecca